mauvaise foi

4 min | miniDV | 2009

 

Intertitles interrupting a stream of storytelling samples. A political statement without agenda.
Mauvaise foi is Satres description for the inability to sincere self realization. Humans live as liars and be-lied to in a draft more spontaneously than willpower. The video is pieces of unconciousness, a plan, that wanted to originally to be and still wants. Contradicting and demanding, asking and uncalculated it emerges and dissapears again, trying to build patterns and breaking them.

   

 

 

Text von Martina Behling über Mauvaise Foi

 

Es ist schon eine ganze Weile her, als ich mauvaise foi zum ersten Mal sah, doch kann ich mich sehr gut an meine Begeisterung für diesen Film erinnern. Stimmen, die sich einig sind, ihre Sätze gegenseitig vollenden und ihre Zustimmung dem Vorredner deutlich machen. Ein Footage aus Untertiteln flimmert Satz für Satz über den Bildschirm. Sie ergeben ein Ganzes, wie Erpresser ihre anonymen Briefe aus einzelnen Buchstaben und Worten schreiben. Worum es im genauen Inhalt ging, wußte ich nicht genau. Anarchie wurde erwähnt und prägte sich mir im Zusammenhang mit der vom Punk vereinnahmten Typografie der Einzelbuchstaben ein. Mauvaise foi war für mich vielmehr ein Gefühl, dass zunächst über die Jahre so stehen blieb.

 

Aber nun schaue ich mir mauvaise foi ein zweites Mal an. Ich bin inhaltlich aufmerksamer, versuche mehr zu verstehen. Über den Titel möchte ich mehr herausfinden und Wikipedia sagt mir, dass Sartre eine Form der Selbstlüge meint, die der Mensch benutzt um der Verantwortung zu entkommen, die sich aus unserer Freiheit ergibt. Wir sind Lügner und Belogene zugleich. Diese Information reicht mir zunächst.

 

Ich sehe mir mauvaise foi sofort ein drittes Mal an. Eine Tür ist geöffnet und ich stolpere hindurch und beginne mehr zu verstehen.

Drei Teile nehme ich war, Strophen, Kapitel, Episoden. Neue Räume.

Zunächst die offensichtlichen Lügen, die Schönrederei der Welt, alles ist gut in charismatischer, begeisterter Ansprache. Der Charakter der Stimmen multipliziert sich in meinem Ohr. Kraftvoll, begeistert, wie für das Produkt "Himmel auf Erden" werbend, wird sich zugestimmt. Eine Gemeinschaft der Ronald McDonalds und Marlboro Men ist sich einig, beendet die Sätze des anderen und scheint keinen Widerspruch zu dulden. Sie reißen mit, begeistern mit Fun, Heaven, Power und lassen in der Schönheit der Welt keinen Bedarf aufkommen, die Fassade einzureißen. Nur so, scheint es, kann Mauvaise foi funktionieren.

CUT.

Im nächsten Raum wird hinter die Selbstlügen geschaut, als Beobachter zweiter Ordnung hinter die Fassade gesehen. Die Welt ist nicht gut, Gewalt und Not existieren und so werden die Aussagen des ersten Teils als Lügen enttarnt. Die Hinterfrager, die Reflektionäre und die Aufzeiger vertreten ebenfalls mit großer Vehemenz fragmentarische Thesen zur Not der Welt hinter den Werbeversprechen. Sie treten in den Dialog mit den Unwissenden, stellen Fragen und werden gehört: REALLY? REALLY?

IT HAS TO STOP

AND THEN WHAT. Sich der Gefahr stellen, denken, Transformation zulassen, Ausdruck finden. HOW FAR CAN YOU STRETCH YOUR IMAGINATION?

Kunst ist es! möchte es aus mir herausplatzen. Ob eine künstlerische Betrachtung von Welt eine Lösung sein kann? Gerade dieser dritte Teil scheint mir der unstrukturierteste, der am wenigsten konkrete, der es aber gleichzeitig auf den Punkt bringt. Er ist bereits selbst, wovon er spricht. Die Fragmente, die vom Denken, Tun und Passieren handeln, bringen eine Art Verzweiflung ans Tageslicht, die den Umgang mit der gewonnenen Erkenntnis transparent machen.

Mit Sartres Mauvaise foi überlisten wir uns selbst, denke ich. Wir stehen uns als Kontrahenten einander gegenüber. Lügner und Belogener. Die Lügen geraten an einen Punkt, an dem der Belogene genau zwischen Glauben und Nichtglauben feststeckt. Der Lügner hält zwar den Belogenen noch im Schwitzkasten, doch ist der Belogene stark genug, gerät das Kräftegleichgewicht ins wanken. Er muss mutig sein, denn eine Kampfansage birgt Gefahr. WAS IT HAZARDOUS? YES, IT WAS.

Doch wir haben verstanden, dass es um unsere Freiheit, um das Tragen von Verantwortung geht und darum für Ideale einzustehen. SABOTAGE wird zur gerechtfertigten Form mit kreativem Potenzial. Dafür brauchen wir nicht die großen Denker, das LITTLE GIRL geht voraus, entschieden, voller Tatendrang wird es der Welt entgegen treten. Wenn dem so ist, scheint mir dieses Stück eine lautstarke Herausforderung des Lügners.

Martina Behling, 2011.